Artikel aus der AStA:Zeitung Marburg, Ausgabe Juni 2009:

Feministische Aufbrüche feiern
Herausforderungen und Erfolge feministischer Bewegung und Forschung

Es wurden viele Diskussionen um die Ausrichtung und Bedeutung des sogenannten „neuen Feminismus“ geführt. Die Frage ist: Welche Probleme gibt es da eigentlich? Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des femArchivs wird es eine Tagung geben, auf der die neuen Herausforderungen diskutiert, aber auch Errungenschaften gefeiert werden sollen.

Zu Beginn möchten wir an die große mediale Schlacht um die Ausrichtung des „neuen Feminismus“ erinnern: Wir wissen nun, dass wir „Alphamädchen“ sind und die Zukunft von Frauen gemacht wird, seit die „F-Klasse“ ausgerufen wurde. Alles lief wie erwartet und so meldeten sich auch, wie geplant, die Antifeministen, wie Schirrmacher, Zastrow und Co, mit ihren Frauenverschwörungstheorien (falls ihr es noch nicht wusstet: Frauen übernehmen die Bewusstseinsindustrie!) zu Wort. An dieser Stelle muss aber bemerkt werden, dass auch einigermaßen sinnvolle Diskussionen um Quotenregelungen z.B. in der taz geführt wurden. Festzuhalten ist, dass es eine Schlacht war, aus der die feministischen Positionen zumindest mal nicht geschwächt heraus gegangen sind – mal ehrlich: wir haben den PR-Gag Eva Herman überlebt.

New Wave?

Die Debatte um einen „neuen Feminismus“ ist in den Medien schon wieder fast vorbei, aber in der Wissenschaft gehen die Auseinandersetzungen weiter. Vorträge im akademischen Feld häufen sich seit letztem Jahr, in dem von „den jungen Frauen“ gesprochen wurde, die „überhaupt nicht feministisch“ seien, sich nicht mehr mit den Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen beschäftigen und mit dekonstruktivistischen Ansätzen die Frauenbewegung verraten würden. Dies zeigte sich auch bei der Diskussion im Anschluss an den Vortrag „In die Bresche für das ganze Geschlecht“ von Ute Gerhard im November 2008, den sie für das Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung (auch „Gender Zentrum“ genannt) hielt. Es war ein sehr spannender Vortrag zum Antifeminismus in Bezug auf das „Frauenstudium“, also die Diskussionen, bevor die Universitäten vor ungefähr hundert Jahren für Frauen geöffnet wurden. Eine großartige Errungenschaft, denken sich „die jungen Frauen“ im Saal, allerdings schien die darauf folgende Diskussion etwas zu entgleiten. Eine Besucherin bemerkte schließlich, dass sie das Gefühl hätte, dass sich seit ihrem Studium hier in der Gender Forschung gar nichts getan hätte. Daraufhin erwidert eine Studentin: „Es gibt neue Fragen, aber diese müssen auch anerkannt werden!“ Es scheint eine Art „Generationenkonflikt“ zu geben, in dem die jungen Akademikerinnen nicht den Vorstellungen der „älteren“ Feministinnen entsprechen. Einige wichtige Fragen sind also: Wo steht Feminismus heute? Welche Inhalte werden thematisiert? Wo verlaufen die Konfliktlinien zwischen „alten“ und „neuen“ Feminist_innen? Wie sehen die Herausforderungen an die feministische Bewegung heute aus? Wie steht es um die Konstruktion „Wir Frauen“? Welche theoretischen Ausrichtungen gibt es in der „dritten Welle“ des Feminismus und welche politischen Handlungsmöglichkeiten resultieren daraus? Welche Bezüge auf feministische Erfolge und Errungenschaften gibt es heute?

Feministische Aktion_en diskutieren

Bei so vielen Fragen dachten wir uns: Dazu machen wir eine Veranstaltung und bieten jungen Feminist_innen und Forscher_innen eine Plattform sich zu äußern, damit nicht immer nur über sie geredet wird, sondern sie selbst zu Wort kommen – ein Prinzip, welches auch in der zweiten Frauenbewegung postuliert wurde. Glücklicherweise ist dieses Jahr ein Jubeljahr für das „…erste und einzige feministische Archiv in Marburg“, welches nun seit 20 Jahren besteht. Damit stellt es neben dem AFLR (Autonomes FrauenLesbenReferat) einen sichtbaren Ort feministischer Raumaneignung dar. So entstand nach einigen glücklichen Begegnungen, Mails und Diskussionen die Tagung ‚aufbrüche – feministische aktion_en‘ anlässlich des Jubiläums des femArchivs in Zusammenarbeit mit dem Referat für Geschlechterpolitik des AStA, der Hochschulgruppe gender trouble – feministischefrauenlesbenliste (FFLL) und dem Café trauma, die am 09. und 10. Juli im G-Werk stattfindet.

D.I.Y., Ökonomiekritik, Intersektionalität

Den Anfang macht Sonja Eismann am DonnerstagAbend um 20 Uhr, welche sich vor allem mit der Repräsentation von Frauen in der Popkultur und mit der Entwicklung von feministischen Do-it-Yourself (DIY)-Kulturen sowie feministischen Medien beschäftigt. Sie ist Herausgeberin des Buches „Hot Topic“, erschienen 2007, in welchem Frauen*, die sich feministischen Idealen annähern, über ihre verschiedenen Lebensentwürfe schreiben und neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Dabei wollen wir der Frage nachgehen, inwiefern Popkultur als Basis der Verbreitung feministischen Ideen dienen könnte. Ziel des ersten Vortrags am Freitag um 12 Uhr „Queer_feministische Ökonomiekritik- alternative politische Praxen“ von Kathrin Ganz (Politologin) und Do Gerbig (Soziologin) ist es, einen queer_feministischen, politischen Umgang mit Ökonomie zu finden, der sich sowohl in politischen Forderungen als auch in Alltagspraxen niederschlägt. Die Kritik an Tendenzen der Individualisierung, die sich in zunehmender Eigenverantwortung und Prekarisierung der_s Einzelnen ausdrückt, wird um die feministische Sichtweise der zu leistenden (Haus-) Arbeit erweitert. Dabei zeigen sie auf, wie aus queer_feministischer Perspektive eine Kritik an neoliberal-kapitalistischen Zusammenhängen genau formuliert werden kann und welche Formen der Intervention sich dennoch ergeben können. Beispielhaft für das Aufgreifen politischer Nischen stellt Stephanie Müller verschiedene Formen kreativ-künstlerischer Umsetzung vor („Grrrl Zines und Krachmacher-Kleider. Wenn Texte und Textilien zum Sprachrohr werden“, 15 Uhr). Mit Experimentierfreude und außergewöhnlichen Methoden nutzt sie die Nähmaschine neu und verknüpft dabei den Inhalt des altbekannten politischen Flyers mit kreativem Aktionismus. Ähnlich wie beim Schreiben von grrrl-zines steht dabei der selbstgemachte, unprofessionelle Charakter dieser politischen Ausdrucksmöglichkeiten im Vordergrund. Es geht darum mit dem Prozess des Entwerfens eine selbstermächtigende Sichtweise auf die eigene Positionierung in der Gesellschaft zu gewinnen und nach verändernden Handlungsmöglichkeiten zu suchen. Stephanie Müller deutet um, indem sie ganz konkret die Nähmaschine als alternatives Krachmacher-Instrument um-nutzt, verstärkt und verzerrt. Abschließend zeichnet Melanie Groß in ihrem Vortrag „Geschlecht und Widerstand im third wave feminism“ um 17.30 Uhr verschiedene Widerstandsbewegungen und Protestkulturen nach, wobei sie widersprüchliche Positionen als bereichernde Stärke innerhalb der dritten feministischen Welle begreift. Durch die nebeneinander existierenden Ansätze post-, queer- und linksradikal feministischer Gruppen ist es möglich, Veränderungen bezüglich des gesellschaftlichen Umgangs mit der Kategorie Geschlecht und den transportierten Geschlechterzuweisungen zugleich auf verschiedene Weisen anzustoßen.

Gemeinsame Perspektiven?

Wir erhoffen uns, dass es mit den dargestellten Perspektiven in den einzelnen Vorträgen gelingt, einen tieferen Einblick in die Vielfältigkeit und den gegenwärtigen Aktionismus queer_feministischer Positionen zu bekommen. Außerdem sehen wir darin die Möglichkeit, uns selber neu zu verorten und die oben gestellten Fragen wieder aufzugreifen. Die Tagung richtet sich an alle Menschen, die Lust haben, mitzureden, die aktuellen feministischen Diskussionen mitzugestalten und sich bzw. eigene Erfahrungen einzubringen. Aber das Feiern der Errungenschaften soll auf keinen Fall zu kurz kommen: deshalb haben wir für den Abschluss der Tagung ein riot-grrrl-Konzert und eine riot-grrrl-Party organisiert, um gemeinsam feministische aufbrüche zu feiern – hoffentlich mit euch zusammen.

Von Anna Bechtoldt (femArchiv), Stefanie Münzberg (femArchiv), Lena Zamzow (Referat für Geschlechterpolitik)